# Gegenbuch (externe Notarisierung) Alle Schutzmechanismen im CRM selbst – Hash-Kette, Versionsgrenze, Löschungs-Manifest, Bestandssiegel – liegen in **derselben Datenbank**, die sie absichern sollen. Wer dort schreiben kann, sitzt am Ende immer schon auf der Ebene, die den Beweis führt. Genau das hat der Pentest über mehrere Runden Schicht für Schicht gezeigt. Das Gegenbuch durchbricht das: Ein zweiter Rechner holt regelmäßig einen kurzen Kontrollwert vom CRM, prüft ihn gegen seine eigene Historie und hängt ihn signiert an ein privates Repository an. ## Die eine nicht verhandelbare Bedingung **Der Signaturschlüssel und das Push-Recht dürfen nicht in den Deploy-Secrets des CRM liegen.** Sonst ist der zweite Schlüssel im selben Zugriffsbereich wie der erste – es sieht nach doppeltem Boden aus und ist keiner. Das CRM braucht für dieses Verfahren **gar nichts** zu wissen: Es liefert nur einen lesbaren Kontrollwert, der keine Geheimnisse enthält. ## Einrichten Auf einem **anderen** Rechner als dem CRM-Server: ```bash git clone git@host:dein/audit-gegenbuch.git cd audit-gegenbuch export CRM_URL=https://crm.example.de export CRM_TOKEN= node /pfad/zu/notary.mjs ``` Als Cronjob, stündlich: ```cron 0 * * * * cd /pfad/zum/gegenbuch && CRM_URL=https://crm.example.de \ CRM_TOKEN=... node /pfad/notary.mjs >> notary.log 2>&1 ``` **Force-Push serverseitig sperren.** Ohne das ist die Append-only-Eigenschaft nur geliehen – wer Schreibrecht auf das Repository erlangt, schreibt die Historie sonst einfach um. Bei GitHub/GitLab: Branch-Protection auf `main`. ## Der entscheidende Punkt: es wird tatsächlich geprüft Die erste Fassung dieses Skripts hat signiert – aber **nie eine Signatur geprüft**. Es las seine Wahrheit aus der lokalen Arbeitsdatei. Wer den Notar-Rechner beschreiben konnte, hat ihm damit beliebige „beglaubigte" Zeilen untergeschoben und einen abgeschnittenen Datenbestand als neue Wahrheit festgeschrieben, ohne Alarm. Signieren ohne prüfenden Leser ist wertlos. Deshalb gilt jetzt: - Wahrheitsquelle ist der **signierte Commit-Baum** (bevorzugt der Remote-Kopf), nicht die Arbeitsdatei - **Jeder** Commit, der das Gegenbuch ändert, muss eine gültige Signatur tragen - Weicht die Arbeitsdatei vom signierten Stand ab, wird abgebrochen - Geschrieben wird erst nach erfolgreichem, signiertem Commit – scheitert er, wird die Datei zurückgerollt ## Voraussetzungen, die wirklich Voraussetzungen sind - **`allowed_signers` muss den Notar-Schlüssel enthalten.** Das Skript akzeptiert ausschließlich Signaturen, die git als `G` bewertet – bei SSH-Signaturen heißt das wörtlich „Schlüssel steht in `allowed_signers`". Ein fremder, selbst erzeugter Schlüssel liefert `U` und wird abgelehnt. *(Bei GPG statt SSH liefert auch ein legitimer Schlüssel ohne Ownertrust ein `U` – dann Ownertrust setzen, nicht `U` wieder zulassen.)* - **Ein Remote muss erreichbar sein.** Ist er es nicht, bricht das Skript mit Code 3 ab, statt dem lokalen Stand zu glauben. Ein Gegenbuch, dessen beglaubigter Stand sich nicht feststellen lässt, gibt kein grünes Licht. - Optional, aber empfohlen: `NOTARY_SIGNER_FINGERPRINT` auf den Fingerabdruck des Notar-Schlüssels setzen (`git log -1 --format=%GF`). Dann muss jeder Commit von genau diesem Schlüssel stammen. ## Rückgabecodes | Code | Bedeutung | |---|---| | 0 | alles in Ordnung, Checkpoint angehängt (bzw. Prüfung bestanden) | | 1 | Betriebsfehler (Konfiguration, Commit oder Push fehlgeschlagen) | | 2 | **Befund** – Widerspruch zwischen CRM und Gegenbuch, oder ungültige Signatur | | 3 | beglaubigter Stand nicht feststellbar (Remote fehlt oder unerreichbar) | Für Cron gilt: **jeder** Code außer 0 gehört gemeldet. Code 2 ist der Alarm, Code 3 heißt „ich weiß es nicht" – und das ist ausdrücklich kein Freibrief. ## Prüfmodus für Auditoren ```bash node notary.mjs --check ``` Führt alle Kontrollen aus, hängt aber nichts an und braucht kein Schreibrecht. Geeignet für jemanden, der die Kette unabhängig nachvollziehen will. ## Was das Skript erkennt | Angriff | Erkennung | |---|---| | Beglaubigter Eintrag nachträglich verändert | Hash an der beglaubigten Position stimmt nicht mehr | | Einträge am Ende abgeschnitten | aktuelle höchste ID kleiner als die beglaubigte | | Bestandssiegel verschwunden | vorher beglaubigt, jetzt nicht mehr vorhanden | | Gegenbuch selbst gekürzt | Lücke in der fortlaufenden Nummer | | Gegenbuch lokal manipuliert | Arbeitsdatei weicht vom signierten Stand ab | | Untergeschobener Commit | Commit ohne gültige Signatur in der Historie | | Nie gepushte lokale Commits | Abgleich gegen den Remote-Kopf | | Bestandssiegel-Blätter entfernt | beglaubigte Blattzahl auf null gefallen | Bei jedem dieser Fälle bricht das Skript mit **Exit-Code 2** ab und **hängt nichts an** – der manipulierte Zustand wird also nicht als neue Wahrheit festgeschrieben. Für Cron heißt das: Exit-Code überwachen, sonst geht der Alarm im Log unter. ## Was es nicht leistet – ehrlich - **Restfenster:** Einträge zwischen dem letzten Kontrollwert und jetzt sind noch nicht beglaubigt und am Ende fälsch- oder kürzbar. Häufigerer Lauf verkleinert das Fenster, beseitigt es aber nicht. Das gilt für jedes periodische Verfahren dieser Art. - **Stiller Ausfall:** Läuft der Cronjob nicht mehr, entsteht keine Warnung im CRM – dort ist ja nichts konfiguriert. Der Ausfall muss auf dem Gegenbuch-Rechner überwacht werden (z. B. Alarm, wenn der jüngste Commit älter als zwei Intervalle ist). - **`NOTARY_SIGN=false`** existiert nur für Tests ohne hinterlegten Schlüssel und verlangt zusätzlich `NOTARY_INSECURE_ACK=…`. Der Reflex „Cron hakt, also Signatur abschalten" soll bewusst nicht ausreichen – er würde eine ungeschützte Kette festschreiben. - **Der Remote-Server muss Force-Push verhindern.** Das Skript prüft die Signaturen, aber wenn jemand die Historie am Server überschreiben kann, ersetzt er auch die signierten Commits durch eigene. Branch-Protection ist Teil des Schutzes, nicht Zubehör.